Warum Pop studieren? Mehrspur-Blog#8

Seit 2006 kann man sich an der Zürcher Hochschule der Künste für ein Popstudium anmelden.
 Im anstrengenden fünfjährigen Studium dieser, gemäss der Studiengangsbeschreibung „musikalischen Designkunst“, kommt man so zum offiziellen Pop-Diplom. Das kann ganz schön mühsam sein. Denn da man wird mit Aufnahmeverfahren, Prüfungen, Dozenten und noch vielen weiteren umständlichen Strapazen konfrontiert, wo man doch eigentlich nur, wie Rebecca Black, „fun,fun,fun“ haben will. Daher stellt sich die Frage, wieso man überhaupt Pop studieren sollte. Lohnt sich das? Geht das nicht einfacher? 
Wenn man die folgenden Punkte kleinlich genau befolgt, ist die Popkarriere auf jeden Fall so gut wie gesichert:

Youtube
Musik. Leider muss man umgehend ein Minimum an musikalischen Beiträgen produzieren. Aber keine Angst, das ist nicht schwierig. Hier das Rezept: I–V–VI–IV. Diese raffinierte Akkordfolge (am besten in C Dur) garantiert dafür, dass man bei jeder ihrer Verwendung einen Hit landet. Am Einfachsten ist es, diese Akkorde auf einem Klavier einzuspielen. Es ist gut, wenn man auf der Aufnahme nicht alle Töne gleichmässig trifft. Das zeigt, dass man kein Musik-Nazi ist und schafft die Wirkung, nahe beim Zielpublikum, also, „einer von ihnen“ zu sein. Jetzt braucht man nur noch ein Paar Wörter einzusingen. Bevorzugte poetische Meilensteine sind: „baby“, „love“, „please“. Das reicht auch schon. Musik ist aber auch schon der kleinste Teil, der das Popstar-Sein ausmacht.

Facebook
Ein Profilbild im Hochglanz-Look, am besten mit zusätzlich integrierten Herzchen und bunten Einhörnern, hilft auf jeden Fall die Glaubwürdigkeit des Pop-Anspruchs zu steigern, und erzeugt bei Teenager Unmengen an Gefolgschaftswillen. Danach braucht man eigentlich nur noch einen Haufen Likes, die das Coolness Gütesiegel liefern. Likes kann man sich kaufen. Wen interessiert es, ob „pinkygirl1994“ eigentlich ein 48-jähriger Inder ist, der in einer Lagerhalle mit 340 anderen „Social Media Experten“ systematisch Likes verteilt, oder nicht. Ein paar Millionen Likes und man ist schon in einer Stretch-Limousine unterwegs zu den MTV Teen Choice Awards??? und wird, mit „Moutain Dew“ oder „Coca Cola“ (darfst nicht auswählen) abgefüllt. „She`s a star“!

Instagram
Auch Instagram ist extrem einfach zu handhaben und erfordert keinen fünfjährigen Studiengang. Hier sollte man unbedingt musikalisch angelegte Inhalte, wie Bilder von Instrumenten oder Noten, vermeiden. Es interessiert schlichtweg keinen. Viel faszinierender sind Bilder deiner veganen Mahlzeiten in hippen Eckrestaurants oder wie man (ob künstlich herein versetzt oder nicht) mit anderen „bekannten“ Leuten rumhängt und immer bestens gelaunt ist. Aber auch nachdenkliche Persönlichkeitszüge sollte man um jeden Preis inszenieren. Wenn man sich in schwarz gekleidet in einer Ecke sitzend mit einer wasserbedürftigen Rose ablichtet, zeigt das, dass man Gefühle hat.

Konzerte/ Öffentlichkeit
Überdimensionale Bühnen mit so viel Glitzer, wie es nicht mal Mariah Carey aufzutreiben kann, und halbnackte Tänzer ohne Brusthaare sind an der Tagesordnung. Bezüglich Qualität von Musik und Gesang sollte man mit seinen Gedanken nicht verschwenderisch umgehen. Bei so vielen kreischenden Teenagern ist völlig irrelevant, was man auf der Bühne von sich gibt. Es könnte Alle-meine-Endchen in einer zweistündiger Endlosschleife sein, vorausgesetzt, man wechselt nach jedem „Lied“ die Kleidung. Was keinesfalls fehlen darf, ist ein winziges Häppchen Punk. Das ist sehr wichtig. Man sollte des Öfteren bei Konzerten betrunken von der Bühne fallen und/oder danach das Hotelzimmer verwüsten. Nicht à la Fear and Loathing verwüsten, aber Spiegel mit Schirmlampen einschlagen und Koksspuren auf der Toilette hinterlassen liegt noch im Rahmen.

Es ist, wie man sieht, kinderleicht ein Solcher Popstar zu werden. Vorteile dieser unkonventionellen Methode sind, dass man sehr schnell an Unmengen von Kokain und betrunkener Groupies gegenübersteht. Das einzige Problem: Die Musik die man spielen muss klingt garantiert niederträchtig. Diese akustische Torturen werden zur Folge haben, dass man jegliche Selbstachtung verliert und diese versucht mit abgedrehten Sexpraktiken und dem Konsum von Rasierwasser wieder herzustellen.

Falls man also doch einen gewissen Anspruch auf musikalischen Inhalt aufweist, lohnt es sich also allemal eine entsprechende Ausbildung zu machen. Wie z.B an der ZHdK. Und die Musiklandschaft Schweiz wird sich dankbar erweisen. Diesen Samstag spielt übrigens James Gruntz im Mehrspur – einer der den beschwerlichen Weg ging und richtig guten Pop macht!

Der Mehrspur Blog erscheint ein- bis zweimal monatlich und widmet sich jeweils einem Thema rund um die vielseitige Mehrspur-Welt im Toni-Areal © by Phil Cron