Wenn Mehrspur zur autonomen Zone wird: Blog#9

Ihr könnt eure Ferienpläne sofort streichen. Jetzt. Gleich aufstehen, Flüge annullieren, Sonnencreme auspacken und entspannt zurücklehnen.

Ihr braucht euch nicht mehr nach Indien zu begeben, um euch durch gepflegte Elefantenritte und Ayurveda Yoga verwirklichen zu versuchen. Die Chance, dort abgezockt zu werden und dann noch mit dem Guru eine verkümmernde Liebesaffäre anzufangen ist ohnehin ziemlich hoch.
Erklimmt nicht die Höhen der Anden in Peru, mit der Hoffnung euch zu verlieren, um wiederum eine Art erleuchtende Kenntnis über euch selbst zu gewinnen. Was gibt’s dort schon zu sehen, Inkatempel hin oder her- das geht auch mit einem Retina Display. Lasst die Safarihüte und Karabiner augenblicklich fallen! Ihr braucht euch nicht mehr den Gefahren wie hungrigen Tigern oder der tödlichen Krankheit Ebola auszusetzen, um exotische Tiere zu begutachten.
Die mühselige Suche nach der perfekten Welle in Brasilien ist ebenfalls obsolet geworden. Auch von den dazugehörigen Selfies von hart antrainierten Six Packs und reizende Bikini Posen werdet ihr entlastet.

Alle dieses unnötige Stillen der Sehnsucht nach der Ferne ist nicht nur zeitaufwendig, sondern übersteigert das Budget einer in Zürich studierenden Person im Wesentlichen. Die lang ersehnte Entschleunigung ist näher als man denkt. Sie kostet auch kein halbes Vermögen. Willkommen bei Electro Munidal im Mehrspur, die einfache Fahrt zur Full Moon Party in Zürich. Durch eine bunte Melange musikalischer Leckerbissen verwandelt sich das Mehrspur in einen Ort der Bebauung, wo man einen Hauch Musikkultur aus aller Welt geniessen kann, ohne das Land verlassen zu müssen. Der einzige Karneval der Schweiz, bei dem die Musik nicht beschissen ist.
Oder ist in der Geschichte der Fasnacht je ein Umzug zu einer hemmungslosen Tanzparty ausgeartet, welche die Geburtenrate neun Monate später auf ein Maximum katapultiert hat, von der man sagt, es sei die Krönung aller Feste gewesen? Nein.

Die auditive Reise führt euch quer durch alle sieben Kontinente. Aber keine Angst, ihr werdet stets von einem wohlvertrauten 4/4 Gefühl durch die Nacht begleitet, um nicht von anstrengenden Rhythmusmodellen überrascht zu werden, die nicht dem Europäischen Standard entsprechen. Die basslastigen Twerk Eskapaden, die sonst den Bewohnern der düsteren Favelas Brasiliens vorbehalten sind, werden für euch bequem in den behaglichen Zufluchtsort und Wohlfühloase Toni Areal importiert. Ihr könnt ausgelassen zu den dröhnenden Beats von Baile Funk Tanzen, ohne die sonst so umständlichen Gewalt Eskalationen zwischen Gangs und der Polizei fürchten zu müssen. Die Favela kommt zu euch.
Weiter führt die Reise nach Süd-Ost Afrika, mitten in die reiche Fauna Angolas. Die treibende Perkussionen und imperativen Verse portugiesischen Raps des Kuduros (was wörtlich übersetzt „harter Hintern“ heisst) lassen auch den prüdesten Jura Studenten halb nackt durch die Nacht tanzen und den anwesenden Gazellen seinen eifrigen Balztanz zum Besten geben. Wenn sich schon Grössen wie Buraka Som Sistema oder Diplo von Mad Decent dieser Musikrichtung bedient haben, kann das nur Gutes heissen.

Ich könnte jetzt weiter gehen, und euch eine Einführung zu allen lauschigen Ecken dieser Welt geben, an denen ihr am besagten Abend geführt werdet. Doch ich will euch das wunderbare Erlebnis nicht vorweg nehmen.
Erich Honegger hatte recht: die Jugendlichen werden tatsächlich „durch die Übersteigerung der Beatrhythmen zu Exzessen aufgeputscht“, dieses Mal am 14.02 im Mehrspur, mit den DJs Bandura (Resense) und Oli Garch (Katakana Edits) bei der Electro Mundial.

Phil Cron, 2015