75`000 Quadratmeter Kreativität? – Mehrspur Blog #2

75`000 Quadratmeter Kreativität?

Nach ca. 4 Jahren Umbauzeit und rund 550 Millionen Franken Investitionsvolumen öffnet nun endlich das neue Toniareal inmitten der Gewerbeflächenwüste des Industriequartiers seine Pforten. Somit hat die Zürcher Hochschule der Künste sowie Departemente der ZHAW ein neues zu Hause gefunden.

Das Toni ist zweifelsohne Zürich-konform; als Rolls Royce unter den Kunsthochschulen strahlt die ehemalige Molkerei mit den restlichen Wolkenkratzern im Industriequartier um die Wette. Ein stählernes modernes Konstrukt, technisch im High End Bereich und auf einen Minergie Energiestandart konzipiert. Alles ist neu, jede einzelne Arterie des Gebäudes bis zum Anschlag herausgeputzt.

Bereits in der opulenten Eingangshalle verfällt man einer ungewohnten diffusen Euphorie. In etwa so, als ob man davor steht das erste Mal Sex zu haben. Irgendwie ist es toll, aber man hat nicht die geringste Ahnung was da gerade vor sich geht. Die Räumlichkeiten vermitteln die Stimmung einer grenzüberschreitenden Reichweite, die man bis anhin nur von Kunstinstitutionen in Grossstädten wie etwa der Central Saint Martins in London vernommen haben könnte. Man erhält das Gefühl den Anschluss an eine internationale Kunstwelt zu kriegen.

Obschon der Unterricht noch nicht begonnen hat schwirrt bereits eben diese Stimmung durch die Gänge. Man läuft an Ballett- und Konzertsälen vorbei und schaut durch die grosszügigen Fensterflächen in die Ateliers der bildenden Künstler rein. Die grelle Stimme eines Bass Sängers erklingt, als er die ersten Strophen von „Ich grolle nicht“ aus Schumanns Dichterliebe anschlägt. In diesem Haus wird man mit den Möglichkeiten von transdisziplinären Projekten direkt konfrontiert, wie von einem schreienden Fischverkäufer auf dem Markt von Le-Havre.

Dass gerade die Kunsthochschule in das leerstehende Betonmonster einquartiert werden sollte, ist keineswegs ein Zufall. Deren Standortsbestimmung scheint fast schon handbuchmässig bestimmt wenn man nach Richard Floridas Definition der kreativen Klasse und deren Relevanz als Faktor von Wirtschaftswachstum gehen würde. Ihm nach funktionieren Kreative quasi als städteplanerisches Element, welches eingesetzt werden kann um heruntergekommene Gegenden zu beleben. Man brauch nur Künstler und Musiker in ein bestimmtes Viertel zu setzen und alles nimmt seinen Lauf.

Vertreter der kreativen Klasse werten die Umgebung fortlaufend auf; so entstehen erst Ateliers und Musikräume, darauf folgen kleine Boutiquen und vegane Läden. Mit der Zeit gilt die Umgebung als sicher und Hip und ist somit interessant für Zuzügler, Familien, Investoren. So steigen die Mieten für Wohnraum. Da jedoch die kreative Klasse überdurchschnittlich mobil ist findet das gleiche dann einfach an einem anderen Ort statt.

Auch der hauseigene Klub, dem Mehrspur, ist von einem ähnlichen Top-of-the-line Mood geprägt. Im Gegensatz zum letzten Standort an der Waldmannstrasse kann sich das Neue Mehrspur auch wirklich erlauben, sich mit dem Etikett Klub zu schmücken. Er fasst ca. 500 Leute, hat zwei Bars und ist auf mehrere Etagen verteilt. Man muss keine Umfrage starten, um zu wissen, dass hier etwas Besonderes entsteht. Nur schon in Sachen Beschallung und Akustik wird ein Hörerlebnis gewährleistet, das sonst nur mit Mühe in der Zürcher Musik-/Clublandschaft zu finden ist. Die nötige Infrastruktur für einen neuen Hotspot der Musikkultur ist also geschaffen.

Es ist auf jeden Fall Mehr. Mehr High End, mehr Dekadenz, mehr Bar, Mehr Party, mehr Jazz. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass sich auch Kunsthochschulstudenten in der Unversehrtheit ihres Klubs wohlfühlen können und sich eine Positive Stimmung bildet. Einer der wichtigsten Herausforderungen wird einen neuen Charme im Mehrspur herzustellen der zum verweilen einlädt und beschwipste Erinnerungen mitgestalten wird. Dies hängt neben dem Programm und der Einrichtung nicht zuletzt auch vom Publikum ab. Das bedeutet, dass wir uns als Toni-Residents direkt an der Gestaltung dieses Moods beteiligen können. Wir sind auf jeden Fall gespannt.

Aufs Mehrspur!

Der Mehrspur Blog erscheint ein- bis zweimal monatlich und widmet sich jeweils einem Thema rund um die vielseitige Mehrspur-Welt im Toni-Areal © by Phil Cron